Tiefe Zinsen – wer gewinnt, wer verliert?

10-jährige Schweizer Bundesobligationen rentieren derzeit nur noch zu 0.5%. Vor 10 Jahren lag die Rendite noch bei rund 2.9%. Letzte Woche hat der Bundesrat beschlossen, den Mindestzinsatz für die berufliche Vorsorge bei 1.5% zu belassen. 2002 lag dieser noch bei 4%. Die Veränderungen sind markant und der Trend zu tiefen Zinsen leicht erkennbar. In der Presse ist vermehrt von „finanzieller Repression” und kalter Enteignung der Sparer, Versicherer und Pensionskassen die Rede. Doch wer leidet tatsächlich unter tiefen Zinsen und wer gewinnt dabei?

Wer profitiert von tiefen Zinsen:

Tiefe Zinsen begünstigen in erster Linie die Schuldner. Seien das der Bundesstaat oder die Kantone selbst, die immer weniger Zinsen für Obligationen zahlen müssen, oder Unternehmen und Private die Schulden haben. Tiefe Zinsen (sowie die steuerliche Abzugsfähigkeit von Zinsaufwendungen) machen es attraktiv Obligationen statt Aktien zu emittieren. Im amerikanischen Kapitalmarkt werden derzeit zahlreiche sogenannte „century bonds” emittiert. Anleihen mit über 100 Jahren Laufzeit. Zu den Emittenten gehören Berkshire Hathaway Inc. (Warren Buffett), Procter & Gamble, Coca Cola und andere.

Der Staat resp. der Fiskus könnte überdies noch von ganz anderer, unerwarteter Seite vom tiefen Zinsniveau profitieren. Bei tiefen Zinsen wird das Aufschieben von Steuerzahlungen unattraktiv. Die in der Schweiz immer noch populären stillen Reserven (z.B. „Warendrittel”, Delkredere, Rückstellungen etc.) verlieren aus finanzieller Sicht ihren Reiz. Ob die Steuern heute oder später bezahlt werden, spielt immer weniger eine Rolle, insbesondere auch da die Progression bei den Unternehmenssteuern grösstenteils abgeschaft ist.

In der Schweiz, im Land der Mieter, gibt es noch eine ganz andere Gruppe die von tiefen Zinsen proftiert. All jene nämlich, die dank tieferem hypothekarischen Referenzzinssatz weniger Miete bezahlen müssen. Eine Senkung der hypothekarischen Referenzzinsatzes um 1/4%-Punkt bewirkt z.B. eine Mietzinsreduktion von ca. 3 %.

Auch der Erwerb von Wohneigentum ist durch die tiefen Zinsen für Viele erschwinglich geworden. Das zeigt sich in der erhöhten Nachfrage nach Wohneigentum. Wer bereits Eigentümer ist, kann sich über tiefere Hypothekarkosten bei Erneuerung der Hypothek freuen.

Wer verliert bei tiefen Zinsen:

Natürlich steht dem Schuldner der Gläubiger gegenüber, der für die gehaltenen Schuldtitel weniger Zinsen erhält. Gelegentlich liest man, dass Anleger sogar bereit sind, negative Zinsen zu akzeptieren. Gemeint sind hier die um die Inflationsrate bereinigten Nominalzinsen (Nominalzins ist derjenige Zinssatz, welcher der Schuldtitel als Coupon ausweist), also die Realzinsen. Tatsächlich sind für kurzlaufende Schuldtitel der Schweizerischen Eidgenossenschaft die Realzinsen negativ. Dies allerdings bei weiterhin sehr tiefer Inflationsrate. Für die Schuldner wären indes höhere Inflationsraten durchaus wünschenswert, verlöre doch dadurch ihre Schuld an Wert. Allerdings, Zinsen und Inflationserwartungen hängen zusammen. Wird zukünftig eine höhere Inflation erwartet, müssen Investoren mit einer sinkenden Kaufkraft der erhaltenen Zinsen rechnen. Dafür werden sie beim Kauf von Schuldtiteln eine Entschädigung, sprich höhere Zinsen, fordern. Daher ist das derzeitige tiefe Zinsniveau auch ein Ausdruck der Erwartung davon, dass die Inflationserwartungen sehr tief sind.

Quelle: NZZ-Infografik

Bei den Realzinsen in der Schweiz ist eine Verminderung von rund 2.5% (10-jährige Laufzeit) vor 10 Jahren auf nun unter 1% zu verzeichnen.

Schmerzhaft ist die Tiefzinsphase nicht nur für Sparer, sondern vor allem für Versicherungen und Pensionskassen. Hier stehen Anlagen in Obligationen, Aktien und Immobilien auf der Aktivseite der Bilanz, Verbindlichkeiten aus Lebensversicherungen und Rentenverpflichtungen auf der Passivseite gegenüber. Sofern die Verpflichtungen nicht durch Leistungskürzungen oder Zusatzeinnahmen vermindert werden können, droht ein Defizit resp. eine Unterdeckung. Grundsätzlich müssen sich die Leistungen einer Pensionskasse an den langfristig erzielbaren Renditen auf den Anlagen richten. Sinken die Zinsen langfristig, wird die Finanzierung von laufenden Renten zunehmend schwieriger.

Natürlich könnten Versicherungen und Pensionskassen auch versuchen mit risikoreicheren Anlagen eine höhere Rendite zu erwirtschaften. Eine solche Strategie erscheint aber vor dem Hintergrund der noch gut im Gedächtnis verankerten „Subprime-Krise” geradezu fahrlässig. Hat doch erst gerade das Platzen von verschiedenen Anlage-Blasen zum anhaltend tiefen Zinsniveau geführt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es keineswegs nur Verlierer der Tiefzinsphase gibt. Insbesondere Mieter konnten bereits ansehnliche Mietzinssenkungen erreichen. Allgemein gilt für Unternehmen und für Private gleichwegs, dass die Ausgaben den tieferen Erträgen auf Anlagen und Sparkapitalien angepasst werden müssen. Wer als Privatperson längerfristig auf ein Ziel hin spart, müsste nun sicherlich entweder die Einzahldauer oder die Sparbeiträge erhöhen.

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