Die versteckten Mängel im Deckungsgrad

Pensionskasse4Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge hat im Mai erfreuliches berichtet: Die finanzielle Lage der Pensionskassen in der Schweiz hat sich erneut verbessert1. Hauptsächlich dazu beigetragen hat die positive Anlageperformance der letzten Jahre.  In der gleichen Medienmitteilung wird aber auch darauf hingewiesen, dass der „Renditedruck weiterhin hoch“ sei, denn die Zinsgarantien seien weiterhin deutlich höher als die für die Bewertung der Verpflichtungen verwendeten Zinssätze. Was ist darunter zu verstehen?

Per Ende 2013 verfügten 93% der Vorsorgeeinrichtungen (ohne Staatsgarantie) über einen Deckungsgrad von über 100%. Das ist sehr erfreulich, kann aber unter Umständen über die tatsächliche finanzielle Lage einer Pensionskasse hinwegtäuschen. So ist für die Berechnung des Deckungsgrades der gewählte technische Zinssatz zentral. Wir erinnern uns: Man berechnet mit dem technischen Zinssatz das heute notwendige Kapital für die zukünftigen Renten. Dieses Kapital wird Deckungskapital genannt. Je tiefer der technische Zinssatz angesetzt ist, desto schwächer ist die Diskontierung und desto höher ist das Deckungskapital, da Geld aufgrund des Zinseszins-Effektes heute mehr wert ist als in Zukunft. Liegt das aktuelle Vermögen der Pensionskasse über dem Deckungskapital, so ist der Deckungsgrad über 100%.

Mangel Nr. 1: Der Deckungsgrad gibt keine Auskunft über die Anlagerisiken

Will man die finanzielle Lage einer Pensionskasse beurteilen, so genügt es nicht, nur den Deckungsgrad in Betracht zu ziehen. Denn der Deckungsgrad berücksichtigt nicht, wie die Zusammensetzung der Aktiven und Rentner einer Pensionskasse ist. Da die Renten garantierte Leistungen sind, geht die Pensionskasse ein Anlagerisiko ein,d.h. sie muss die angenommene Rendite (technischer Zinssatz) auch wirklich erwirtschaften. Kann die Pensionskasse dies nicht (das derzeitige Tiefzinsumfeld macht es den Kassen immer schwerer) verschiebt sich das Anlagerisiko auf die Aktiven und/oder auf den Arbeitgeber. Diese müssten dann bei einer Unterfinanzierung die „Lücke“ schliessen, entweder mit höheren Beiträgen oder mit tieferen künftigen Leistungsversprechen (Renten). Bei verhältnismässig hohem Anteil an Rentnern ist die Pensionskasse bereits hohe Versprechen eingegangen und muss allenfalls höhere Risiken bei den Anlagen eingehen um die erforderliche Rendite zu erwirtschaften.Somit ist das Risiko bei einer solchen Pensionskasse höher als bei einer Kasse mit einem hohen Anteil an Aktiven. Dem Deckungsgrad sieht man dieses Risiko aber nicht an. Die in der Medienmitteilung der OBV genannte Warnung, dass der Renditedruck auf die Pensionskassen unvermindert hoch ist, bedeutet genau dies. Es gibt derzeit eine Lücke zwischen den abgegebenen Rentenversprechen und den langfristig zu erwartenden Anlagerenditen. Das bedeutet, entweder steigen mittelfristig die Zinsen an oder vor allem Pensionskassen mit einem hohen Rentneranteil werden Schwierigkeiten kriegen.

Mangel Nr. 2: Der Deckungsgrad gibt keine Auskunft über die Langlebigkeitsrisiken

Quelle: NZZ

Die Schweizerinnen und Schweizer werden immer älter. Die aktuelle Lebenserwartung gemäss dem Bundesamt für Statistik liegt im Alter von 65 Jahren bei 19.1 Jahren für Männer und 22.1 Jahren für Frauen (notabene ist dies ein Blick in die Vergangenheit, wir wissen heute noch nicht, wie hoch die künftige Lebenserwartung sein wird). Der derzeit gültige Mindestumwandlungssatz im BVG-Obligatorium beträgt 6.8%.Dass der Umwandlungssatz nicht mehr zeitgemäss ist, zeigt auch folgende einfache Berechnung: Wird ein Anlagevermögen von CHF 100‘000 mit einem Umwandlungssatz von 6.8% in eine Rente gewandelt (jährliche Rente von CHF 6‘800), so reicht dies nur für rund 14.7 Jahre (ohne Verzinsung). Selbst bei einer angenommen Netto-Rendite (also nach Vermögensverwaltungskosten und allg. Verwaltung) von 3 % würde dies nur für 19 Jahre reichen. Hier klafft also eine Lücke zur aktuellen Lebenserwartung was wieder zu einer unerwünschten Verschiebung des Risikos  von den Rentnern auf die Aktivenund / oder die Arbeitgeber führt.

Ob eine Pensionskasse die Langlebigkeitsrisiken genügend berücksichtigt hat, sieht man dem Deckungsgrad nicht an. Man muss hier vor allem den verwendeten technischen Zinssatz sowie allfällige Rückstellungen in Betracht ziehen. Dabei spielt auch eine Rolle, welche Annahmen über die Sterblichkeit die Pensionskasse für ihre Berechnungen verwendet hat. Dieses Thema ist so aufschlussreich, dass wir in einem zweiten Blogartikel genauer darauf eingehen werden.

Fazit

Es genügt nicht, nur den Deckungsgrad eine Pensionskasse zu betrachten. Es ist entscheidend, wie die Versichertenstruktur ist und wie die Pensionskasse resp. ihr Aktuar gerechnet hat. Derzeit besteht auf Grund der weiterhin zu hohen Zinsgarantien an die Rentner und dem zu hohen Umwandlungssatz eine ungewollte Risiko- und Lastenverschiebung auf die Aktivversicherten. Kommt hinzu, dass beim weiterhin andauernden Tiefzinsniveau beim ersten schlechten Börsenjahr die Pensionskassen leicht wieder in Bedrängnis kommen können. Dies dürfte eigentlich nicht sein.

1https://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=52836

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